27.01.-10.03.2019 "Urpflanze"
Goethe-Museum, Düsseldorf, Germany


Aljoscha, bioism, biofuturism

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Aljoscha im Interview über die »Urpflanze«

Wie kamen Sie auf die Idee, eine temporäre Installation im Goethe-Museum
anzubringen?
Goethe, als einer der Begründer der Morphologie, hat Vergleiche und Systematisierungen
zur biologischen Methode und bioethischen Denkweise entwickelt. Sein »Versuch die
Metamorphose der Pflanzen zu erklären« ging über in die Metamorphosenlehre und ist
immer wieder an dem ›fehlenden Glied‹ gescheitert. Glücklicherweise ist dieses ›fehlende
Glied‹ immer vorhanden, nur nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft. Und eben
diese mögliche Gegenüberstellung von Biofuturismus und Gedanken aus einer scheinbar
theoretischen Sackgasse erschien mir besonders reizvoll, um etwas Neues, Superorganisches
mit vegetativer Anmutung zu kreieren.

Meinen Sie mit dem ›fehlenden Glied‹ die Urpflanze, die Goethe in Italien in der realen Natur gesucht und dann doch nicht gefunden hat?
Allgemein gesehen, ja. Obwohl natürlich ›The Missing Link‹ immer noch ein verbreiteter
Begriff in den evolutionstheoretischen Wissenschaften ist, wie zum Beispiel im Fossilbericht oder der Anthropogenese, wo mittlerweile Tausende solcher fehlenden Mosaik-Elemente
gefunden wurden. In der Genetik sind solche unbekannten Übergangsreihen von Mutationen
von sehr großem Interesse, da sie theoretisch als biochemische Katalysatoren die sprunghafte Geschwindigkeitsbeschleunigung der Evolution bei bestimmten Spezies erklären können. – Warum suchte Goethe überhaupt nach diesem ›fehlenden Urglied‹ der Botanik? Ich
nehme an, weil es für den damaligen Wissensstand ebenfalls eine erfolgreiche Gedankenmutation war.

Wann und wo sind Sie zum ersten Mal auf Goethes ›Urpflanze‹ gestoßen?
Obwohl meine erste Auseinandersetzung mit Goethe als Dichter während meiner Schulzeit in der Sowjetunion geschah, kam die Erkenntnis, dass dieser Universalgelehrte auch ein Botaniker war, erst hier in Düsseldorf vor circa zehn Jahren. Damals bereitete ich meine erste
Bioismus-Publikation vor und recherchierte intensiv über historische Utopien an Schnittstellen zwischen Kunst und Wissenschaft.

Was fasziniert Sie an Goethes Urpflanze?
Eine Blume gefüllt mit Wasser – das ist eine visuelle Idee von Goethes Urpflanze, welche ich als traumhafte und ephemere Abstraktion in mir während eines längeren Zeitraums aufgebaut habe. Die idealistische Morphologie ist als Versuch durch eine fließende Auffassung und Formwahrnehmung nur als vorübergehendes Gedankenkonstrukt möglich, welches durch tatsächlich lebendige Substanz immer wieder verändert und umgestaltet wird. Unsere abstrakten ›Typus-Systeme‹ sind von Grund auf utopischer Natur. Unsere Konzepte von idealen Verbindungen zwischen unzähligen lebendigen Systemen sind nur gedankliche Momentaufnahmen von ständig abweichenden und sich verändernden Mutationen. Deshalb musste diese Urpflanze unfassbar, fließend und ephemer sein.

Wie haben Sie die Idee von Goethes Urpflanze in Ihrer Installation umgesetzt?
Jede Pflanze ist ein Organismus mit einem etwas anderen, aber vorhandenen Nervensystem. Allen Organismen liegt ein universelles Prinzip einer größtmöglichen Abweichung und Veränderung zugrunde. Nur dank dieses Urmechanismus sind wir alle als Höhepunkte der Evolution zu betrachten. Diese fernen Spannweiten zwischen unbekannten transzendenten Formen versuchte ich in einer Synthese durch eine scheinbare Verästelung aus farblosem Polymethylmethacrylat, bekannter unter dem umgangssprachlichen Namen Acrylglas, zu verbinden. Ihre transparenten gefäßartigen Körper, mit irregulär ausgefransten Rändern und äußerst komplex ineinander verschlungenen konvexen und konkaven Flächen, bieten aus jedem Blickwinkel völlig neue, unerwartete Ansichten. Wie Exemplare einer bislang unbekannten Alien-Spezies wirken sie gallertartig amorph, fast schwerelos und wie von äußerem Druck verformt. Wie eine Blume, vibrierend in Wasserströmen.

Wie Sie vom Malen mit Acrylfarbe auf die dreidimensionale Arbeit mit der Farbe gekommen sind, ist bekannt. Aber wie kamen Sie zur Arbeit mit Acrylglas?
Das war eine ganz natürliche Weiterentwicklung für mich. In meinem Universum ist die Transparenz eine übergeordnete Eigenschaft, welche ich seit meiner Kindheit liebe und immer wieder versuche, durch unterschiedlichste Methoden zu implementieren. So mischte ich schon früh die transparenten Acryl-Binder in dreidimensionale Kompositionen. Mit der Zeit wurden diese Acrylschichten auch hauchdünn, so dass ich mich entschloss, ebenso dünnes, aber etwas stabileres Acrylglas als unscheinbaren Träger dafür zu verwenden, welches im Grunde eine fast identische organische Synthetik aufweist. Acrylglas ermöglicht mir, eben diesen unbegreiflichen und fast metaphysischen, utopischen Raum zu schaffen, welcher für jeden Betrachter eine unikale Wahrnehmungsperspektive bietet. – Wie eine aus Wasser bestehende, mit Wasser gefüllte und auf dem Wasser liegende, pulsierende Blume.

Barbara Steingießer führte das Interview.