04.09.2016 "We Care a Lot", Vorgebigspark Skulptur, Cologne

Aljoscha, bioism, biofuturism

Aljoscha, bioism, biofuturism

Gleichgültig, aus welcher Richtung man sich den vier Sondergärten des Vorgebirgsparks nähert – man sieht Aljoschas Skulptur schon von weitem aus der Parkumgebung hervorleuchten. Gut 4,20 Meter hoch und in Neonrosa gehalten, das zu den Grüntönen der umgebenden Bäume und Büsche in maximalem Farbkontrast steht, entfaltet sie eine enorme Fernwirkung, lenkt die Aufmerksamkeit auf sich und zieht dementsprechend die Parkbesucher in den Rosengarten. Dort erhebt sich das rätselhafte, farbstarke Gebilde aus dem frisch renovierten, rechteckig eingefassten Wasserbecken, das (nicht topographisch, aber vom Raumgefühl her) die Mitte des Parks markiert. Aus der Nähe betrachtet wirkt die irregulär geformte, vielteilige Skulptur aufgrund der Spiegelung im Wasser sogar noch größer, noch ausladender, zugleich aber auch in ihrer formalen Struktur verwirrender. Tatsächlich zeigen die geschwungenen, welligen, transluziden Formen eine große Affinität zum Wasser, sie wirken selbst fluid, als bestünden sie aus einer gallertartigen Masse, die nur für einen kurzen Moment erstarrt wäre, während sich ihre Reflexionen im Wasser noch immer wabernd und zitternd bewegen.

Normalerweise steuern im Wasserbecken des Rosengartens nur die dort angepflanzten Seerosen mit ihren weiß-rosa Blüten und dottergelben Staubblättern einige Farbtupfer bei. Aljoschas farbintensive Skulptur wirkt in diesem Kontext fast wie eine ins Gigantische gewucherte Mutation einer Blühpflanze, welche die Last ihrer hypertrophen Blüten kaum zu tragen vermag. Wenn man ihre Struktur genauer in Augenschein nimmt, kann man deutlich die stachligen „Stängel“ – mit Silikon und Ölfarbe bearbeitetes Moniereisen – von den großflächigen „Blütenblättern“ aus Polymethylmethacrylat („Acrylglas“) unterscheiden. Doch die Skulptur als Ganzes weckt noch andere Assoziationen.

Wenn man um das Becken herumgeht, um das Objekt aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten, ergeben sich Positionen, aus denen man die Silhouette einer bizarren Figur mit Kopf und ausgestreckten Extremitäten wahrzunehmen glaubt: ein vorwärts stampfendes, noch nicht zu festen Konturen geronnenes fremdartiges Wesen wie aus einem Science- Fiction-Film. Egal, ob man als Betrachter eher phyto-, zoo- oder anthropomorphe Assoziationen an diese Skulptur heranträgt – der sich unvermeidlich einstellende Eindruck des Lebendigen führt direkt in die Mitte der Kunstauffassung Aljoschas, der seinen Ansatz als „Bioismus“ bzw. „Biofuturismus“ bezeichnet. Der ukrainisch-russische, in Düsseldorf lebende Künstler versteht seine Arbeiten als Modelle zukünftiger, vom Menschen gestalteter Lebensformen.

In dieser Kunstauffassung verbindet sich der uralte Bildhauertraum, dass das von Künstlerhand erschaffene Objekt zum Leben erweckt wird – das, was der Kunsthistoriker Viktor Stoichita als „Pygmalion-Effekt“ beschrieben hat – mit einem vitalen Interesse an den aktuellen Entwicklungen im Bereich der Gen- und Biotechnologie. So wie die Elfenbeinstatue des mythischen griechischen Bildhauers Pygmalion in eine lebendige Frau verwandelt wurde, so möchte Aljoscha seine Skulpturen als Prototypen einer neuen Form von Lebewesen wahrgenommen wissen. Wer sich auch nur oberflächlich mit dem aktuellen Stand der synthetischen Biologie beschäftigt hat, weiß, dass der Traum (für viele ist es eher ein Alptraum) der Schaffung künstlicher Lebewesen längst keine Fiktion mehr ist.

Die mit diesen wissenschaftlichen Entwicklungen verbundenen ethischen Fragen sind selbstverständlicher Teil von Aljoschas Kunst des „Bioismus“. Darauf deutet auch der Titel seines Beitrags zur „Vorgebirgspark Skulptur 2016“ hin. Er lautet: „We care a lot“.

Kenner der Rockmusik der 1980er-Jahre werden sich vielleicht an den gleichnamigen Song der amerikanischen Band Faith No More von 1985 entsinnen, wo es unter anderem heißt: „We care a lot! About disasters, fires, floods and killer bees, / About the NASA shuttle falling in the sea…“ (Wir sorgen uns sehr! Um Katastrophen, Feuersbrünste, Überschwemmungen und Killerbienen, / Um das NASA-Shuttle, das ins Meer stürzt…) Sich ständig zu sorgen und zu ängstigen ist Teil der menschlichen Natur, wie sie sich evolutionsgeschichtlich herausgebildet hat. Für einen Philosophen wie Martin Heidegger ist die „Sorge“ ein Existenzial, d. h. sie gehört unmittelbar zur Struktur des menschlichen Daseins selbst. Aljoscha interessiert sich nach eigener Aussage sehr für eine bioethische Richtung, die sich Abolitionismus nennt und die davon ausgeht, dass diese Sorgestruktur eine wesentliche Ursache für menschliches Leid und Zerstörung ist und sich durch Biotechnologie beseitigen ließe. Aljoscha: „Somit fungiert die erweiterte Biologie, in der die Schaffung neuer Lebensformen inkludiert ist, als Hoffnungsträger für uns alle. Das ist eine der Kernbotschaften meiner Arbeit.“ Wie immer man zu diesen bioethischen Aussagen steht, einstweilen genügt es, sich auf die bio-ästhetischen Aspekte dieser Kunst zu konzentrieren und die Arbeiten unter dem Aspekt ihrer eigentümlichen fremden Schönheit zu betrachten.

„We care a lot“ ist ein eindrucksvolles Beispiel für Aljoschas ästhetische Utopie.

Peter Lodermeyer

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